kunstkenner

Kunst ist weites Land!

"Kunstkenner"  ist unser spezieller Guide für Forscher, Entdecker und alle Neugierigen, die diese Kunst(Welt-)Landschaften erkunden wollen und dabei, willkürliche oder virtuelle Grenzen von Raum und Zeit nicht scheuend, sich gleichsam im   "Unterwegssein zur Kunst"  zuhause fühlen.

Exkurs 1 


Malerei oder Zeichnung?

Faszination Farbe oder reduziertes Detail der Linie? Was denken Sie: Soll intensive Farbigkeit, traditionell flächig mit dem Pinsel auf Leinwand aufgetragen, durch ihren Rhythmus, durch Schattierungen und Kontraste den Gegenstand eines Bildes gestalten - möglichst nah an der Natur oder stilisiert, lieber expressiv oder gar abstrakt, je nach Epoche und Stilrichtung, der sich der jeweilige Künstler und sein Betrachter zugehörig fühlen?

Oder bevorzugen Sie eine nicht malerische Abbildung, die ihr Motiv - oft stark vereinfachend - meist auf Papier als intellektuell kontrollierte Umrisszeichnung mit oft nur monochromen Strichen und Linien darstellt? Schwarz auf weiß mit Bleistift, Kohle und Tuschfeder. Mit reduziertem Farbspektrum durch Sepia, Rötelstift oder die Technik der Lavierung.

Mit diesen Gegensatzpaaren künstlerischer Gestaltung werden Sie sich immer wieder (intuitiv oder aber als Ergebnis einer wohl begründeten Präferenz) bei der Betrachtung unterschiedlicher Werkgruppen in Ausstellungen, Galerien, Ateliers oder Museen befassen müssen. Sicher ist Ihnen dabei kaum jemals bewusst, dass genau diese Frage, die die Italiener als Colore et Disegno  

(Farbe und Zeichnung) bezeichnen, durch Generationen von Kunsttheoretiker, Wissenschaftlern, Ästheten, Philosophen und natürlich von den Künstlern selbst nachhaltig, leidenschaftlich und diskrepant diskutiert wurde.

Was der "Kampf" zwischen Farbe und Linie meint, wird deutlich, wenn wir dem Kosmos aus Farben und Licht, die die Bilder eines Caravaggio, eines William Turner  oder eines Monet auszeichnen, die rationale Klarheit und Reinheit der Zeichnungen eines Michelangelo, eines Raffael  oder eines Dürer gegenüberstellen.

Ich will und kann hier nicht auf die zahlreichen wissenschaftlichen, künstlerischen und metaphysischen Aufarbeitungen des "Modells Farbe" eingehen (N. Wolf).

Goethes Farbenlehre, die er selbst als sein wichtigstes Werk bezeichnete, die von Kandinsky - beide nach streng wissenschaftlichen Standards nicht objektiv - und Herrmann von Helmholtz Arbeiten zum Simultankontrast, dem Phänomen also, dass unser Auge in hellem Licht bei einer Farbe gleichzeitig auch ihre Komplementärfarbe wahrnimmt, mögen als Erwähnung genügen. Werfen wir dagegen doch einen genaueren Blick auf die Linie.                                                                                               Ein Zeichner wird mit dem Bleistift ganz andere Formen notieren als ein Maler mit dem Pinsel. Die Erscheinungsformen der Linie sind dabei nahezu unbegrenzt. Sie kann, autonom und abstrahierend, die Vorstellungskraft  und intellektuelle Leistung des Künstlers als dessen charakteristische Geste präzise ausdrücken. Sie kann aber auch, darin ist sie der Farbe ähnlich und "entwertet" den einzelnen Strich in seiner Aussage, modellierenden Charakter annehmen, wenn z.B. "gestrichelte" Hell-Dunkel-Kontraste ausgeführt werden.                                                                                                                                                                    In seinem 1753 gedruckten Essay The analysis of beauty propagiert der englische Maler und Graphiker Hogarth  die s-förmig geschwungene Linie als line of beauty. Er erhebt also eine abstrakte Linie zum autonomen, selbstreferentiellen Gegenstand. Dies kommt einer Sensation gleich, weil erstmals ein zeichnerisches Kürzel losgelöst vom Bildgegenstand und dem Diktat der Nachahmung zum autonomen Objekt der künstlerischen Ästhetik avanciert. Bereits 200 Jahre früher, schon 1550 hatte Giorgio Vasari  auf die unbedingte Abhängigkeit von Malerei und Architektur von der Zeichnung hingewiesen. Durch die idea, praktisch eine innere Kompositionsskizze des Künstlers, gelinge diesem erst die Transformation vom Entwurf zur fertigen Kunstform.                 Im 17. Jahrhundert treibt René Descartes die Abwertung der Farben schließlich mit der ihm eigenen Logik auf die Spitze: Allein die präzise und eindeutige Beschreibung durch die Linie werde der objektiven, geometrischen Form der Gegenstände gerecht. Die Farbe vermittle dagegen keine reine Wahrheit, sondern allenfalls eine Wirklichkeit zweiter Klasse. Bis in die Moderne flammt der Streiten um den Primat von Linie undund Farbe, von Zeichnung und Malerei immer wieder auf: vorangetrieben von so bedeutenden Protagonisten wie Seurat, den Expressionisten, Paul Klee, Kandinsky, Mondrian oder Picasso. Die Diskussion verliert jedoch an Schärfe und führt schließlich zu einer Art toleranter, gleichwertiger Partnerschaft der beiden Stilformen.

Christine Kummer hat ihre Ursprünge jedenfalls in der Zeichnung, hat sich der Zeichnung verschrieben-von Anfang an.

Große Papierformate aus der Mitte der 90er Jahre tragen-ein Beispiel-schwarze hakenförmige Zeichen zusammen mit parallelen Linienbündel, assoziativ dem Rutenbündel als Machtsymbol der römischen Lictoren, die Leibwächter der herrschenden Klasse waren, nicht unähnlich. Den Schatten, den diese gebündelte Demonstration der Macht wirft, hat Kummer auch sichtbar gemacht-als graubraune Lavierung. Eine andere Arbeit aus dieser Zeit zeigt schwarze spiralförmige technische (oder sind des organische) Zeichen, die einmal spontan an die Wendel einer Glühlampe erinnern, zumal sie orange unterlegt sind. Zum anderen-beigebraun laviert-an die perforierten Federn einer defekten Matratze.

Wir wissen, dass eine derartig gewagte Interpretation der Zeichensprache Kummers nur unserem zwanghaften Bedürfnis entspringt, Neues und Unbekanntes mit Vertrautem in unserem cerebralen Bildarchiv zur Deckung zu bringen. Hinzu kommt, dass Christine Kummer intuitiv linklinkshändig zeichnet, obwohl sie sonst rechtshändig arbeitet.                                       Auch Joseph Beuys  Zeichnungen-sie zeigen alle Merkmale seiner entscheidenden künstlerischen Ideen-sind wie die beschriebenen Kummers - nur schwer zu entschlüsseln. Gerade weil es schwer ist, die Themen zu benennen und die Motive zu erkennen, wird in diesen Arbeiten - Beuys' und Kummers - die große Unmittelbarkeit ihres Empfindens deutlich. Nichts ist hier geschönt oder geglättet, nichts aber auch verfälscht oder bewusst rational verschlüsselt.

Die neuen Arbeiten Christine Kummers sind weg von den Ausdrucksformen, der typischen Zeichensprache der Zeit und Person Beuys, die Kummer  nicht nur emotional als einen Entwicklungsschritt hinter sich gelassen hat.

Die in der Kapelle von Schloss Saulburg in Viererblöcken gehängten Arbeiten haben ein Format von 21 x29,7 cm. Die Zeichnungen sind reduzierter, fragil, zurückhaltend und doch emotional. Der Prozesscharakter des Suchens, des Umkreisen des Gegenstandes wird deutlicher. Kummers neue Zeichnungen (sie sind in großer Zahl in den letzten Jahren entstanden) schöpfen aus einem Grundmaterial, einem offenen Fundus, in dem sich über zufällig häufig organische und anatomische Zeichen finden, die mit wenigen zarten oder auch groben Linien Gestalt annehmen.

Work in progress!